Ein Revisionsbericht
Das Kaliber Omega 1861 oder auch Lemania 1873 begleitet mich bereits seit meiner Ausbildung, bereits einen Teil meiner Abschlussprüfung von WOSTEP habe ich an diesem Werk absolviert. Anschließend habe ich das Uhrwerk in der Chrongrapengruppe bei Omega viele hundert Male in unterschiedlicher Ausführung repariert und überholt. Inzwischen, 10 Jahre später, möglicherweise 1000 Mal oder mehr.
Allgemeines:
Das ursprünglich von Lemania konstruierte Uhrwerk Kaliber 1873 wurde Anfangs von verschiedenen Marken verwendet und ist heute noch in einigen vintage Breitling oder Sinn Chronographen anzutreffen. Omega bezeichnete die Standardvariante dieses Kalibers als „Omega 861“ und baute das Uhrwerk in die berühmte Omega Speedmaster Professional („Moonwatch“) ein. Das Omega Uhrwerk unterscheidet sich fast nicht von der unter dem Namen Lemania vertriebenen Variante, wobei es Lemania Versionen mit feiner verzahntem Stundenrad und Wechseltrieb gibt.
Das Uhrwerk existiert in verschiedenen Ausführungen, die Standardvariante, Lemania 1873 oder Omega 861 ist ein Handaufzug-Chronograph mit Schaltnocke, Stundenzähler und 30-Minutenzähler sowie 21600 Schwingungen.
Technische Daten Kaliber 861:
- Typ: Handaufzugschronograph mit Stundenzähler
- Durchmesser 27mm oder 12″ (Pariser Linien)
- Höhe 6,87mm
- Schwingungszahl: 21600 bph oder 3 Hz
- Hebungswinkel: 50°
- Gangdauer: 45h (50h nach älteren technischen Dokumenten)
- Steine: 17 (18 ab neuer Version 1861, ein zusätzlicher Stein für die Chronographen-Kupplungswippe)
- Handaufzug
- System Schaltnocke
Kaliberfamilie
- 860 Chronograph, Minutenzähler
- 861 Chronograph, Minutenzähler, Stundenzähler
- 862 Chronograph, Minutenzähler, Stundenzähler, 21 Steine Version
- 863 Chronograph, Minutenzähler, Stundenzähler, Anglierung und Zierschliffe am Uhrwerk für Glasboden.
- 864 Chronograph, Minutenzähler, Stundenzähler, Anglierung und Zierschliffe am Uhrwerk für Glasboden, Chronometer, zu finden zum Beispiel in Omega Speedmaster Modellen im Massivgoldgehäuse
- 865 abgewandelte Version für Omega Chronostop, Sekunde-Null-Stopp Chronograph nur mit Stoppsekunde ohne kleine Sekunde, Monopusher.
- 866 Chronograph, Minutenzähler, Stundenzähler, Mondphase
- 867 Chronograph, Minutenzähler, Stundenzähler, Skelettiert und Zierschliffe, Chronometer – sehr selten
- 910 Chronograph, Minutenzähler, Stundenzähler, 24h Anzeige anstatt kleiner Sekunde, zweite Zeitzone (siehe Omega Flightmaster 145.013)
- 911 Chronograph, Minutenzähler, Stundenzähler, zweite Zeitzone (siehe Omega Flightmaster 145.026 und 145.036)
- 920 = 865 plus Datum
- 930 = 860 plus Datum (Omega Bullhead Chronograph oder seltene DeVille)
- 1861 neue Bezeichnung des 861, Platinen und Brücken rhodiniert (silbern)
- 1863 neue Bezeichnung des 863, Platinen und Brücken rhodiniert (silbern), Anglierung und Zierschliffe am Uhrwerk für Glasboden, Stophebel aus Stahl anstatt Delrin
- 1866 neue Bezeichnung des 866, Platinen und Brücken rhodiniert (silbern), plus Anglierung und Zierschliffe am Uhrwerk für Glasboden
Genealogie
Vorfahre: Omega 321 – Schaltradchronograph, viele Teile sind baugleich im Kaliber 861 verwendet worden, daher haben viele Ersatzteile des Kaliber 861 noch die Anfangsnummer 0321…
Nachfahre: Omega 3861 – Wie 1861, aber mit Coaxialhemmung und Siliziumspirale. Nur einige Schrauben und wenige Teile sind noch identisch mit dem Vorgängerkaliber.
Entwicklungsstufen des Kalibers 861 / 1861:
Anhand einiger Details kann man das Alter des Uhrwerks bestimmen. Das Uhrwerk hat sich folgendermaßen entwickelt (jeweils von alt nach neu):
- Galvanisierung der Platine und Brücken: Rotgold -> Gelbgold -> Rhodiniert
- Schraubenköpfe: Flachpoliert -> Rundpoliert
- Chrongraphenhebel: Strichschliff -> Perlgestrahlt
- Stopphebel Chronozentrumrad: Stahl 2-Teilig -> Delrin 1-Teilig
- Unruh Version alt: Unruhspirale blau, Greiner Spiralrolle, Regulierknick hinter Klötzchen, Unruhreif rotvergoldet, Spiralklötzchenträger dreieckig
- Unruh Version neu: Unruhspirale silber, Laser-Spiralrolle, kein Regulierknick hinter Klötzchen, Unruhreif gelbvergoldet, Spiralklötzchenträger rund
- Federkern: oberer Zapfen kurz -> oberer Zapfen lang
- Friktionsfeder des Chrono-Zentrumrads: Mit Teflonbeschichtung (grün) -> Stahl poliert
- Schalthebel für Stundenherzhebel 0861 1784: Mit Bohrung -> Ohne Bohrung
- Nullstellwelle 093ST0016 und andere Längen: Alte Version komplett zylindrisch -> Stufe vor der Spitze
- Schraube 2548 für Kupplungswippe 1724: kurzer Schraubenkopf mit Flachpolitur -> Hoher Schraubenkopf mit Rundpulitur
- Mehrere Zahnräder im Uhrwerk: Perlgestrahlte Flächen -> Polierte Flächen
Die schönsten Varianten des Uhrwerks sind ohne Zweifel die ersten Versionen des 861 mit rotvergoldeten Platinen, Hebeln mit Strichschliff, Flachpolitur an allen Schraubenköpfen, Stahl-Stopphebel des Chronozentrumrades und blauer Unruhspirale. In perfektem Zustand sind solche Werke nur noch sehr selten anzutreffen, da meist durch unsachgemäße Reparaturen oder Wartungsmängel einige der Teile ersetzt werden und eine gemischte Version resultiert.
Eine kurze Zeit lang wurde eine Variante mit gelbgoldener Ausführung hergestellt, die bereits in großen Teilen identisch mit der Variante 1861 ist – mit Delrin-Stopphebel, rundpolierten Schraubenköpfen sowie Perlgestrahlten Chronographenhebeln anstatt Strichschliff.
Die zuletzt aufgelegte Version des Kalibers, 1861, erzielt durch modernisierte Unruhspirale bessere Gangresultate. Gleichzeitig sind Sperrrad, Kronrad, Zeigerstellräder und Sperrklinke jetzt mit polierten Oberflächen anstelle mattierter Oberflächen versehen, was den Verschleiß an den Messing-Brücken deutlich reduziert. Leider sind die Stähle in den neueren Varianten aber weicher, daher findet man gelegentlich auch eingelaufene Sperrklinken, was bei den ersten Versionen quasi niemals vorkommt.
Werkstatt-Tipps:
- Die neue Unruh kann nicht mit dem alten Klötzchen verwendet werden, ohne den Regulierbogen vollständig neu anzupassen. Bei Tausch der Unruh in die neue Version muss der Spiralklötzchenträger ebenfalls ersetzt werden!
- Der Federkern in der alten Version hat einen kurzen oberen Zapfen, welcher sich gerne in die Bohrung der Räderwerksbrücke hineinfrisst. Der neue Federkern hat einen langen Zapfen, der die gesamte Lagerbohrung in voller tiefe ausnutzt. Der Federkern sollte bei einer Revision daher immer in die neue Version umgewandelt werden.
- Bleibt der Schalthebel für den Stundenherzhebel nach Betätigung stecken, sollte das Bauteil gegen die neue Version ohne Bohrung ersetzt werden.
- Durch einen Schlag auf einen Drücker kann das untere Lager des Stundenzählers deformiert sein. Hier ist mit äußerster Vorsicht bei der Reparatur vorzugehen und nach dem Motto „weniger ist mehr“. Mit der Triebnietmaschine kann das Lager vorsichtig repariert werden, hierbei ist jedoch keinesfalls viel Material zu bewegen. Wer hier unvorsichtig arbeitet, ruiniert die Grundplatine!
- Sollte der Lagerstift für die Minutenraste gebrochen sein, kann dieser ausgepresst und neu angefertigt werden.
Die Revision
Bei der Revision des Uhrwerks gibt es einige Prüfpunkte zu beachten, die systematisch geprüft werden sollten. Das Uhrwerk ist an manchen Stellen empfindlich gegen Stoß, falls die Drücker am Gehäuse sehr exponiert liegen. Ein harter Schlag direkt auf den Drücker kann zu verschiedenen Schäden führen, die unterschiedlichen Schweregrad annehmen können.
Da man nie genau weiß, welche liegengebliebenen Probleme man vorfindet, gibt es eine ganze Reihe an Prüfpunkten, die man bei der Wartung dieses Uhrwerks durchgehen sollte. Manche Fehler tauchen nur bei jeder fünfzigsten, hundertsten oder zweihundertsten Revision auf, oder noch seltener. In diesem Bericht sollten alle Fehler enthalten sein, die mit einer Wahrscheinlichkeit von ca. eins zu zweihundert auftauchen. Zusätzlich werde ich versuchen, die Wahrscheinlichkeit anzugeben, mit der der Fehler vorhanden ist, um einen Anhaltspunkt zu geben, wie genau man sich den Prüfpunkt merken sollte.
Der Ausgangspunkt der Wartung ist das noch eingebaute Uhrwerk im Gehäuse. Es handelt sich um eine neuere Omega Speedmaster mit Kaliber 1861, was man an der Rhodinierung des Uhrwerks erkennen kann.
Schon vor dem Ausbau des Uhrwerks sind einige Prüfpunkte sinnvoll. Wir prüfen die Funktion von Chronograph, Aufzug und Zeigerstellung, werfen einen Blick auf die Unruhspirale und offensichtliche Punkte. Jede Funktionsstörung behalten wir im Hinterkopf, um hier besonders genau nachzuschauen.
Auf der Zifferblattseite sollten wir prüfen, ob der Stundenzähler auf Null steht, da es in seltenen Fällen (1/200) zu einem Laufen des Stundenzählers bei stehender Uhr kommt. Dies trifft jedoch meist die älteren Versionen Kaliber 861 auf, wobei die häufigste Ursache fehlendes Spiel zwischen Nullstelldrücker-Schraube und der Nullstellwelle ist.
Aus der gezeigten Uhr fällt diese Schraube hervor. Wer genau hingesehen hat, konnte schon auf den vorherigen Bildern erkennen, dass eine Werkhalteschraube nicht an seinem Platz ist. Wenn eine Uhr nicht zuverlässig läuft, schauen erfahrene Uhrmacher oft mit einem schnellen Blick über alle Schrauben. Es kommt vor (1/200), dass ein abgebrochener Schraubenkopf oder eine lose Schraube zum Stillstand einer Uhr führt. Auch die Herzhebelriegelwelle bricht bei diesem Uhrwerk manchmal, oder fällt sogar heraus, wenn die Uhr einen Schlag abbekommen hat.
In diesem Fall war schlechte Uhrmacherei verantwortlich, hier wurde beim letzten Einschalen des Uhrwerks die Werkhalteschraube nicht gut festgezogen. Dieser Eindruck bestätigt sich auch später beim Uhrwerk, viele der Schrauben sind nicht fest genug gezogen.
Hier sollte man jedoch nicht den Fehler begehen, und die Schrauben „so fest wie möglich“ anziehen, denn vor allem die Schrauben mit flacherem Kopf sind bei diesem Kaliber empfindlich und brechen regelmäßig, wenn sie ohne Gefühl festgezogen wurden. Daher sollte man gegen Ende jede Schraube mit betontem Gefühl anziehen, aber wenn die Schraube sich auch nur im geringsten plötzlich weich anfühlt sofort aufhören, denn sonst bricht der Kopf ab und der Gewinderest ist oft schwer entfernbar.
Angebrochene Schrauben kann man manchmal erkennen, wenn man auf den Grund des Schraubenschlitzes schaut. Sieht man dort zwei feine Risse, wo das Gewinde ansetzt, ist die Schraube sicher kaputt. Bei flachpolierten Schrauben kann man noch einfacher einen Bruch erkennen, wenn die beiden durch den Schraubenschlitz separierten Flächen des Schraubenkopfs das Licht unterschiedlich widerspiegeln.
So sieht das ausgeschalte Uhrwerk mit Zifferblatt aus, der Werkhaltering rechts ist das Zwischenglied zwischen Uhrwerk und Gehäuse.
Nach dem Abnehmen der Zeiger kommt ein weiteres Problem zum Vorschein:
Das Zifferblatt ist durch einen Stoß dezentriert, vermutlich ist die Uhr mal mit der Seite auf den Boden gefallen. Zur Reparatur wird das Zifferblatt sehr vorsichtig mit leichten Schlägen mit einem Uhrmacherhammer aus Holz auf Höhe von 10 Uhr gerichtet. Das Uhrwerk wird hierbei zum Beispiel sorgsam auf einer geeigneten Unterlage gestützt, zum Beispiel aus Hartholz.
Falls die Füße bereits angebrochen sind, können sie beim Zentrieren brechen, man sollte auf jeden Fall einen genauen Kontrollblick folgen lassen.
In diesem Fall halten die Füße und die Zentrierung gelingt ohne Folgen.
Das Zifferblatt wird über zwei Schrauben an seinen Füßen fixiert. Nimmt man es ab, kommt die Zifferblattseite des Uhrwerks zum Vorschein. Auf der rechten Seite erkennt man den Mechanismus um in die Zeigerstellung zu wechseln, unten unter der Brücke sitzt der Stundenzähler mitsamt Stopphebel, Nullstellhebel und seiner Ansteuerung (links), die von der anderen Seite des Uhrwerks übertragen wird.
Der Stundenzähler wird permanent über ein kleines Trieb auf dem Federhaus angetrieben. Er bleibt stehen, wenn ein Metallhebel das Stundenzählrad blockiert. In diesem Zustand rutscht das kleine Trieb auf dem Federhaus permanent durch, da es nur mit einer Spannfeder auf dem Federhaus gehalten wird. Auch bei späteren Uhrwerken wie dem bekannten ETA 7750 funktioniert der Stundenzähler noch nach einem ähnlichen Prinzip.
Der nächste Kontrollblick fällt auf die Werkseite des Uhrwerks. Es sind keine besonderen Auffälligkeiten zu sehen, also kann die systematische Zerlegung, Kontrolle und Vorreinigung beginnen.

Dieser Beitrag ist noch in Arbeit, weitere Inhalte folgen demnächst. Die Revision hat gerade erst begonnen.



















Schreibe einen Kommentar